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Versuch einer Feststellung der Gründe
winter-wolgaДата: Суббота, 29.08.2009, 11:00 | Сообщение # 1
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Versuch einer Feststellung der Gründe für die rußlanddeutsche Auswanderung aus Hessen

Bis weit in die russische Steppe war das Deutschtum gekommen. Diese Ostwanderung wurde getragen von dem einzelnen Auswanderer, von kleineren und größeren Gruppen, nicht von staatlicher Macht. Fremde Machthaber hatten die deutschen Kolonisten in ihre Länder gerufen, damit sie dort als Bahnbrecher auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete tätig seien. — Fast alle deutschen Stämme und Landschaften waren an diesem Werk der Kolonisation beteiligt — vorwiegend aber Hessen. —
Warum hatte das Manifest Katharinas II. vom 22. Juli 1763 gerade bei der hessischen Bevölkerung einen so großen Erfolg? Die hessischen Mittelgebirgslandschaften — Vogelsberg, Odenwald, Westerwald — waren neben der Wetterau vor allem die Heimat der Wolgadeutschen.

Hessen-Kassel:

Der Siebenjährige Krieg hatte dem Hessenlande besonderes Leid gebracht. Als Beispiel sei angeführt, daß die Städte Kassel und Marburg, zu der Landgrafschaft Hessen-Kassel gehörend, in den Kämpfen zwischen französischen und den auf hannoversch-preußischen Seite eingesetzten nordhessischen Truppen fünfmal genommen und wieder verloren wurden. — Die Jahre nach dem Siebenjährigen Kriege waren aber die glänzendsten des Kasseler Hofes — ein krasser Gegensatz zu dem von den Kriegswirren verwüsteten Lande, das sich von den Kriegsschäden nur sehr schwer erholen konnte. Der Landgraf Friedrich II., Hessen-Kassels regierender Fürst jener Zeit, hatte eine betonte Vorliebe für französische Kunst und Literatur, was mit den literarischen und künstlerischen Neigungen des großen Preußenkönigs und Namensvetters auf dem preußischen Thron übereinstimmte. Die düstere Kehrseite waren die von jenem Landgrafen sehr geschäftsmäßig gehandhabten Subsidienverträge, durch die die seit 1762 nicht mehr geworbenen, sondern nach preußischem Vorbild ausgehobenen hessischen Truppen gegen hohe Geldleistungen fremden kriegführenden Mächten zur Verfügung gestellt wurden. (Der Vorwurf des „Soldatenverkaufs" trifft im übrigen nicht nur hessische Fürsten, sondern auch andere regierende Häuser. Um aber eine für Hessen zutreffende Zahl zu nennen: 17000 ausgehobene nordhessische Soldaten kämpften unter Englands Fahne gegen die um Freiheit ringenden Amerikaner!

Hessen-Dannstadt:

In Hessen-Darmstadt, der Landgrafschaft, zu der der größte Teil des Vogelsbergs und der Odenwald gehörten, hinterließ der Landgraf Ernst Ludwig bei seinem Tode im Jahre 1739 rund 3V3 Millionen Gulden Staatsschulden, die durch große Aufwendungen für Theater, Bauten und Jagden, die Finanzkraft des Landes übersteigend, zustande gekommen waren. Sein Sohn, Ludwig VIII. (1739 — 1768) war ein gleichgesinnter Nachfolger, den nur sein besonders gutes Verhältnis zur Kaiserin Maria Theresia vor dem erklärten Staatsbankrott rettete. Und dessen Sohn Ludwig IX. lehnte zwar den Soldatenverkauf als mit seiner Ehre nicht vereinbar ab, war jedoch von einer ihn geradezu beherrschenden Manie des „Soldatenhaltens" befallen, was umso unverantwortlicher war, als das Land vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch stand! — Die größte Not in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt war ohne Zweifel in den Armutsgebieten des Landes, in Vogelsberg und Odenwald, zu finden. Aus einer Schrift des Pfarrers Johannes May, der von 1751 bis 1796 in Eberstadt wirkte, erfahren wir über die Zustände, die um 1750 in Hessen-Darmstadt herrschten. Geradezu schauerlich ist das Bild, das May von den Nöten entwirft, die der Wildschaden in dieser Zeit der Parforcejagden brachte. Dazu kamen die Unfruchtbarkeit des Bodens sowie die Pachten, Fronen und Zinsen. „Man fand daher einen großen Teil der Untertanen tief verschuldet, sich dem Leichtsinn, Müssiggang und Trunk ergebend; eine gewöhnliche Ausschweifung bei Leuten, die alles verloren und nichts zu gewinnen sehen." (Aus: „ökonomische auf Erfahrung gegründete Anmerkungen über die Ab-und Zunahme des Nahrungsstandes in Eberstadt bei Darmstadt", von Pfarrer Joh. May, 1791). Die Ernteerträge der Bauern reichten nicht aus, um fürstliche Pacht- und Zinsgelder davon zu bezahlen. Es fehlte weithin schon zu Anfang des Winters an Brot und zu Frühjahrsbeginn an Saatgut. Wenn die Schuldbeträge sich häuften, mußten Stücke des ohnehin spärlichen eigenen Ackerlandes verkauft werden. Dazu kam, daß einige wenige leidlich Vermögende den traurigen Zustand der anderen ausnutzten und zu einem billigen Preis große Güter an sich brachten, indem sie mit Geld, Saatgut oder gar mit Brot aushalfen und unter Drohungen zurückforderten. — Der Mangel an Weide bedingte einen schlechten Zustand des Viehbestandes. Oft konnten die Zugtiere, die für die Feldarbeit im Frühling nötig waren, vor Schwäche nicht aufstehen. Die Bauern, selbst dem Hungertode nahe, zogen mit Hacken ins Feld, sobald es auftaute, um Queckenwurzeln als Viehfutter zu roden, damit die Haustiere nicht eingingen. — Als Hauptursache der Not bezeichnete May die „überhäufte Wildfuhr". Die Hälfte der Ernte fiel in der Regel den riesigen Wildbeständen zum Opfer. Die unter schweren finanziellen Opfern der Bauern angestellten Wildhüter waren ohnmächtig gegen die Rudel, so-daß die Bauern Hütten auf ihren kärglichen Äckern aufstellten, wo Nacht für Nacht ein Teil der Familie, auch Kinder, nach der schweren Arbeit des Tages Wache halten mußte, um wenigstens etwas Getreide oder Hackfrucht zu retten. Voll Neid, so berichtet May, betrachteten die Bauernfamilien das Wild, „so doch des Tages ruhen konnte, wenn es sich des Nachts gesättigt hatte." Die Menschen hatten weder Gelegenheit sich zu sättigen noch zu ruhen. — In den hungerreichen Wintern wurden die Untertanen gezwungen, bei den Wolfsjagden 2 Wochen lang, Tag und Nacht, „unter freiem Himmel bei Eis und Schnee, bei schlechter Kleidung und Kost" auszuhalten. Pfarrer May führt eine damals offensichtliche Veränderung in Körperbau und Wuchs, in den Gesichtszügen und den Gemütern auf diese schrecklichen Nöte zurück, und „Frohsinn und Heiterkeit der Seele waren verdrängt". —
„Die allzeit gnädigen Regenten" werden in jener eindrucksvollen Schilderung nicht belastet. Ihnen seien, so berichtet May, die Klagen der Untertanen entweder verborgen oder verringert worden. Der Berichterstatter will selbst eine Antwort gehört haben, die ein Jagdherr den klagenden Bauern gab: „Pflastert euere Wiesen und setzet euer Gepflänz mit der Wurzel in die Höhe, so kann euch das Wild nicht schaden!" —
Von den Wäldern wird gesagt, daß sie gänzlich vernachlässigt gewesen seien und nur dem Zwecke dienten, „Herden Wild in denselben zu ziehen".

 
winter-wolgaДата: Суббота, 29.08.2009, 11:00 | Сообщение # 2
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Nassau:

Während Vogelsberg und Odenwald zur Zeit der großen Wanderungen nach Rußland mit den politischen Zeitläuften der Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt verbunden waren, gehörte der Westerwald, das dritte der großen Auswanderergebiete Hessens, zum Herrschaftsbereich der ottonischen Linie der Grafen von Nassau, deren Stammsitz der Dillenberg mit der Oranierstadt Dillenburg ist. (Wilhelm von Oranien, der Befreier der Niederlande vom spanischen Joch, wurde hier geboren.) —

Die Geschichte des Landes Nassau ist die schwierigste der Teile des heutigen Landes Hessen. Viele unabhängige Territorien entstanden durch Teilungen, Erbverträge und kriegerische Auseinandersetzungen. — Als 1747 Fürst Wilhelm IV. erblicher Generalstatthalter der Niederlande geworden war, wurden die deutschen Besitzungen zwar Nebenland, aber mit ihrer aus der Zeit der Zersplitterung stammenden starken religiösen Gemischtheit tolerant und unter Aufwendung beträchtlicher Mittel auch gut regiert. Im Siebenjährigen Kriege blieben dem Nassauer Land Verwüstungen nicht erspart —; so wurde das Dillen-burger Schloß durch Feuer zerstört als Folge einer gegen die das Schloß verteidigenden hannoverschen Truppen gerichteten Bombardierung durch französische Kanonen. —

Nach dem Kriege mit seinen schweren geldlichen Belastungen wirkten sich die Folgen einer guten Regierung, die über einen befähigten Beamtenstand verfügte, zugunsten der Bevölkerung aus. Wichtige Gesetze sicherten einen schnellen Aufbau, Klagen über Verschwendungssucht regierender Häuser sind nicht verzeichnet. —
Und trotzdem wanderten viele Menschen nach Rußland aus!

Boden und Klima:

Ich habe schon auf die Unfruchtbarkeit der hessischen Mittelgebirge hingewiesen. Dazu ein paar Ausführungen, um aufzuzeigen, daß nicht nur Kriegsgeschehnisse und Absolutismus der Auswanderung Vorschub leisteten.

a) Der Vogelsberg

Wie ein riesiger Buckelschild ragt das Gebirge auf, fast allseitig isoliert und nur im Südosten durch einen Landrücken mit Spessart und Rhön verbunden. Er besitzt eine kreisförmige Gestalt und entläßt nach allen Seiten kleine Gewässer. Als flache Kuppe ist der Oberwald, der in einer Höhe von 600 — 700 Metern über dem Meeresspiegel liegt, dem ganzen Gebirge aufgesetzt. Aus diesem rund 60 qkm großen Waldgebiet ragen die höchsten Erhebungen heraus, der Hoherodskopf (763 m) und der Tauf stein (774 m). — Basaltdecken bauen das Gebirge auf, das mit seiner 2500 qkm-Fläche die größte zusammenhängende Ba-saltmasse Europas darstellt. Obwohl der vulkanische Basaltboden nährstoffreich ist, ist die Fruchtbarkeit in dieser Höhenlage gering. Der Vogelsberg ist. außerordentlich niederschlagsreich; im Oberwald fallen 1400 mm Niederschläge pro Jahr, die höchste Niederschlagsmenge aller deutschen Mittelgebirge. Der Grund dafür liegt darin, daß der Gebirgsblock sich ungeschützt den Regenwinden aus Westen stellt. Die meisten Niederschläge fallen in den Monaten Juli/ August (!) und Dezember. 160 — 200 Nebeltage pro Jahr werden im Oberwald gezählt. — Die Blüte-, Wachstums- und Reifezeiten der Feldfrüchte sind sehr ungünstig: Die Frühjahrsaussaat beginnt 3 Wochen später als im benachbarten Giessener Land, der Roggen blüht 3 Wochen später, die Haferernte kann erst 24 Tage später beginnen — dabei beginnt der Vollherbst 1 Woche früher als in der Giessener oder gar Wetterauer Nachbarschaft. Die Vegetationszeit ist also um einen ganzen Monat verkürzt! Dazu kommen die sehr kälte- und schneereichen langen Winter mit vielen Spätfrösten und schadenstiftenden Rauhreifbehängen. —

Die Ackerkrumendecke ist dünn, die Äcker sind steinig. Auf den Weideflächen liegen dicke Basaltblöcke verstreut, Reste einer intensiven Verwitterung während der Eiszeit. —
Der Vogelsberg ist ein ausgesprochen Iandwirschaft-liches Gebiet. Mit wachsender Höhe nehmen Weiden und Triften zu und herrschen schließlich vor. Die meisten Höfe besitzen eine Größe von nicht einmal 5 ha und sind auch heute noch Kümmerbetriebe, die die Bauern zu Nebeneinnahmen vor allem als Waldarbeiter zwingen. Neuerdings erst sind mit der Erschließung durch gute Straßen der Fremdenverkehr und z. T. auch die Industriearbeit zu Einnahmequellen geworden. —
Noch bis in die jüngste Zeit arbeiteten Vogelsberger Landwirte als Saisonarbeiter im Ruhrgebiet, als Drescher in der getreidereichen Wetterau und als Rechenmacher in Heimarbeit in den eigenen kleinen Stuben der schindelbedeckten Häuser. Man findet sie heute als Pendler in dem fast 100 km entfernten Frankfurt a. M., im Siegerland und an der Lahn. — Die Not wurde noch während langer Zeiten vergrößert durch die Realteilung, d. h. durch die Sitte, den landwirtschaftlichen Kleinbesitz immer wieder unter die Nachkommen aufzuteilen. (Im Wolgagebiet wurde diese Sitte beibehalten!)
Die großen Wälder sind auch heute noch sehr wildreich, doch ist dies in keiner Weise mit dem von Pfarrer May geschilderten Situation vergleichbar. Trotzdem sind die Wildschäden auch heute noch erheblich. Und ständig werden auch heute bäuerliche Betriebe aufgegeben wegen der Ungunst der Verhältnisse. —
Ist es verwunderlich, daß nicht wenige Menschen in früherer wie in der heutigen Zeit Lust verspürten, die alte Heimat gegen eine bessere neue einzutauschen? —

b) Der Odenwald

Imposant ragt die Bergkette des vorderen Odenwaldes aus der Rheinebene hervor. Auf anderthalb Kilometer Entfernung steigt der Melibokus von 100 Metern über dem Meeresspiegel (Rheinebene) auf 516 Meter auf. Schroff ist der Gegensatz zwischen Ebene und Gebirge, das den rheinischen Grabenbruch als nördlichstes Glied der Kette vom Schwarzwald her begrenzt. Der vordere Odenwald besteht aus kristallinem Gestein, der hintere Teil des Gebirges aus Buntsandstein. —
Der Sandsteinodenwald hat eine geringe Besiedlungsdichte auf seinen langgestreckten, etwas eintönigen und dicht bewaldeten Sandsteinrücken. Der 626 m hohe Katzenbuckel ist seine höchste Erhebung. — Die Karte der Auswanderungsorte im Odenwald gibt ein genaues Abbild der landschaftlichen Verhältnisse wider: Der vordere Odenwald hat fruchtbarere Böden als der hintere Teil des Gebirges; die Auswandererorte liegen im Sandsteingebiet! — Die politischen Verhältnisse waren in beiden Gebietsteilen gleich, können also keine unterschiedlichen Einflüsse auf die Auswanderungswilligkeit gehabt haben. Und mit nach Osten fallenden Höhenzahlen nimmt die Zahl der Auswanderungen ab ebenso wie mit dem Übergang zum Granitodenwald oder gar zur frucht-barkeitsstrotzenden Bergstraße, dem Gebiet an den Westhängen des Gebirges. —

c) Der Westerwald

Im Winkel zwischen Lahn und Dill gelegen, gehört der Westerwald zum Rheinischen Schiefergebirge. 657 Meter hoch ist seine höchste Erhebung, die Fuchskaute. Die kargen Wiesen der den Schiefer überlagernden Basaltdecken überziehen die Hochflächen des klimatisch sehr schlecht gestellten und rauhen Hohen Westerwaids. Kleinstbauern lebten und leben hier, mühsam dem Boden eine Ernte abringend. — Das mit dem Westerwald eng verbundene Dillgebiet war mit seinen Eisenhütten im Mittelalter dem Gebirge tragisch verknüpft durch die Tatsache, daß es den Grund legte zu der „Entwaldung" des Wester-waldes: Man brauchte zur Eisengewinnung Holzkohle, die aus den Gebirgswäldern gemeilert wurde. Und darum pfeift heute kalt der Wind über seine Höhen, darum ist die Ackerkrume so dünn und das Leben schwer. 1000 mm Niederschläge fallen pro Jahr, und rasch fließt das Wasser ab, weil die Bergkuppen kahl sind. 4 Wochen braucht der Frühling, um aus den Tälern auf die Höhen zu steigen, und der Winter fällt früh ein. Viele Stellen sind moorig durch starke Tonunterlagen, bringen eine vielfältige Pflanzenwelt hervor, die dem Auge des Wanderers gut gefällt, aber dem Bauern nur ein bescheidenes Auskommen gibt. Mühsam war und ist die Bewirtschaftung der an steilen Hängen liegenden Felder, früher wie heute viele Menschen zwingend, nach besseren Lebensmöglichkeiten Ausschau zu halten. —

d) Die Wetterau

Wenn man die Karte der hessischen Orte, aus denen die Auswanderung an die Wolga in den Jahren 1763 bis 1769 erfolgte, studiert, so fällt auf, daß die fruchtbare Wetterau, eine der Kornkammern Deutschlands, ebenfalls stark betroffen ist. —
Aus der Schilderung der Armutsgebiete in Vogelsberg, Odenwald und Westerwald ergibt sich nach Berücksichtigung der unterschiedlichen politischen Verhältnisse (Beispiel: Westerwald/Nassau) der Schluß, daß der Hauptgrund für die Auswanderung die Unfruchtbarkeit der Gebirgslagen war. Die Notlage der Menschen wurde im Vogelsberg und Odenwald verstärkt durch bauernschädigendes Verhalten regierender Kreise (Wildbestand u. ä.). Doch konnte auch eine vernünftige Regierung (Nassau) nicht verhindern, daß die Bevölkerung dem Hunger zu entgehen suchte. — Für die Wetterau waren andere Gründe maßgebend. Das Land ist fruchtbar und reich und liegt geschützt zwischen Taunus, Vogelsberg und Spessart-Rhön. Der hervorragende Lößboden erreicht stellenweise eine Dicke von 12 Metern. Die wirtschaftlichen Verhältnisse konnten daher nicht die gleiche Bedeutung für die Auswanderungswilligkeit der Bevölkerung haben wie in den Gebirgen. Der Ertrag der Felder war in jedem Falle ein höherer, wenn auch die ausgedehnten Waldungen („Büdinger Reichswald") sicher Anlaß zu Klagen wegen des Wildbestandes gegeben haben mochten. -
Der Nordteil des heutigen Kreises Büdingen mit den Städten Nidda und Schotten gehörte schon lange vor der Auswanderungszeit zu der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, es treffen also die politischen Verhältnisse, wie sie bei der Beschreibung von Hessen-Darmstadt geschildert wurden, zu. Da diese Städte zudem am Südhang des Vogelsberges liegen, mögen für die und das sie umgebende Land die gleichen Auswanderungsgründe maßgebend gewesen sein wie in den höheren Lagen. —

Der Hauptteil des heutigen Kreises Büdingen, aus dem übrigens 376 Familien aus 76 Gemeinden ausgewandert sind, liegt in der fruchtbaren Wetterau und war eine selbständige Grafschaft: Isenburg-Büdingen. Es unterschied sich zur Zeit der Auswanderungen politisch und wirtschaftlich wesentlich von den zu Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel und Nassau- Oranien gehörenden Heimatgebieten der übrigen Auswanderer und liegt doch der Zahl nach weit an der Spitze. (Übrigens zählten zahlreiche Gemeinden des heutigen Landkreises Gelnhausen, der an 5. Stelle der Auswanderungsgebiete in Hessen liegt, zur Zeit der Auswanderungen an die Wolga zur Grafschaft Isen-burg-Büdingen, sodaß auf dieses Gebiet die gleichen Gründe zutreffen müssen.) —

Das Büdinger Herrscherhaus gewährte, nachdem es bereits 1698 Waldenser aufgenommen hatte, seit 1700 jenen evangelischen Gruppen eine Zufluchtsstätte, die die Orthodoxie aus den Ländern Württemberg, Hessen-Darmstadt, Franken und der Schweiz vertrieb. 1712 gewährte ein Freiheitsedikt diesen Gruppen vollkommene Duldung, wenn ihnen auch eine Verordnung im Jahre 1715 eigene kirchliche Gemeinschaften untersagte. Es waren vor allem Neutäufer und Inspirierte, von denen ab 1715 wieder einige Gruppen das Land verließen und nach Wittgenstein-Berleburg oder nach Nordamerika abzogen und so die Neutäuferbewegung nach dort übertrugen. — Im Jahre 1716 wurde den Inspirierten erlaubt, Gebetsgemeinschaften zu halten. —

Der Führer dieser Inspirierten, Rock zu Himbach, vermittelte die Kenntnis von der Wetterauer Freistatt im Jahre 1730 an den Grafen Zinzendorf, der bereits 1736 die Herrnhuter Brüdergemeine nach der Vertreibung aus Sachsen im Büdinger Land ansiedelte und selbst auf der Ronneburg und in Marienborn lebte und dort einen Mittelpunkt seiner Glaubensgemeinschaft schuf. Die Brüdergemeine brachte Kapitalien und Betriebe in das Land. Die Gemeinden Herrenhag und Marienborn waren von den Herrnhutern erworben und zu bedeutenden Mittelpunkten ihres Lebens gemacht worden. —
Nach 1750 mußten die Herrnhuter wieder das Land verlassen, da der Widerstand der Kirche und der Verwaltung gegen die beanspruchten Sonderrechte sich versteifte. Von Herrenhag wird berichtet, daß es durch die Auswanderung an die Wolga gänzlich entvölkert worden sei.

Es ist sicher nicht anzunehmen, daß der Druck von Seiten der Kirche und der fürstlichen Verwaltungsbürokratie sich allein auf die Herrnhuter Brüdergemeine auswirkte: Waldenser, Neutäufer, Inspirierte, Herrnhuter — das waren nur die bedeutendsten Gruppen unter denen, die in Isenburg-Büdingen Zuflucht gefunden hatten. Und alle Gruppen beanspruchten, ihrer religiösen Überzeugung entsprechend, Sonderrechte. Diese einzuschränken lag in der Absicht der kirchlichen und weltlichen Verwaltung, die es erreichten, daß die Nachfolger des freiheitlichen Grafen Ernst Casimir ihrem Drängen nachgaben und die Grafschaft einen schweren Verlust durch den Abzug vieler befähigter Menschen erlitt. — Herrnhuter Brüder ließen sich im Jahre 1765 an der Wolga, auf der Bergseite, 28 Werst unterhalb der Stadt Zarizyn am Flüßchen Sarpa, nieder und gründeten die Brüdergemeinde Sarepta. Der Schluß liegt nahe, daß die von Gottlieb Beratz in seinem Buche „Die deutschen Kolonien an der unteren Wolga in ihrer Entstehung und ersten Entwicklung" (Saratow 1915) für Sarepta verzeichneten fünf männnlichen Gründer, die am 3. September 1765 dort zu siedeln begannen, aus dem Herrnhuter Zentrum „im Isen-burgischen" kamen und danach weitere ihrer Brüder nachzogen. (Sarepta zählte 1773 bereits 350 Einwohner, 1912 waren es 1755). —

 
winter-wolgaДата: Суббота, 29.08.2009, 11:01 | Сообщение # 3
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Zusammenfassung

Zwei Hauptgründe erscheinen mir maßgebend für die Auswanderung aus den verschiedenen

Teilen des heutigen Landes Hessen:

1. Die durch ungünstige Klimata und schlechte Bodenverhältnisse bedingte Armut der bäuerlichen Bevölkerung in den hessischen Mittelgebirgen, die im Vogelsberg und im Odenwald durch eine aufwendige Hofhaltung der Landesfürsten und ihrer Gefolgsleute ohne Rücksicht auf die primitivsten Lebensbedürfnisse der Untertanen noch vergrößert wurde; letzteres trifft für die Bevölkerung des Westerwaldes nicht zu, jedoch waren Kargheit des Bodens und schlechte Ertragslage Gründe genug, auch aus dieser Landschaft wegzugehen. —

2. Die Aufhebung der Sonderrechte für konfessionelle Gruppen in der Grafschaft Isenburg-Büdingen, die trotz günstiger Ertragslage in der Landwirtschaft den Anstoß zum Verlassen des Gebietes gab. Die davon betroffene Bevölkerung war ab 1698 eingewandert, weil der regierende Graf der freien Ausübung des Glaubens verschiedenster Konfessionen zugestimmt hatte. –

Sicherlich haben daneben die vielen für alle Auswanderungen gültigen Gründe auch für die verschiedenen Gebiete des Hessenlandes ihre Gültigkeit. In diesem Beitrag sind vor allem die Gründe aufgezeigt worden, die von Manfred Grisebach in seinem Aufsatz „Vom Wesen der Auswanderung" (in „Ruf des Ostens", Stuttgart 1940) als die „heimatlich abstoßenden" bezeichnet wurden. Die Aufzeichnungen des hessischen Volkskundlers Wilhelm Diehl in „Hessische Volksbücher", Band 23 (Friedberg 1915), die er mit „Beiträge zu einer Geschichte der Auswanderungen aus Hessen im 17. Jahrhundert" überschreibt, stützen sich auf Unterlagen, die während der Verhandlungen zwischen der hessischen und der russischen Regierung im Jahre 1786 erstellt worden sind und wo es um vermögensrechtliche Angelegenheiten zweier aus dem Vogelsberg ausgewanderter und in Saratow angesiedelter Bauern ging. Daraus geht hervor, daß es manche Beamte z. Zt. der Auswanderungen sehr genau nehmen mit den von ihnen anzufertigenden Akten und stets einen besonderen Nachdruck legten auf das Wort „emigrieren". Dies bedeutet ja nicht nur „Auswandern", sondern viel stärker das „aus Widerwillen entweichen." Widerwille gegen daheim herrschende Zustände als Hauptanstoß — dazu traten die von Grisebach mit „fremdländisch anziehend" bezeichneten Gründe: Fremde Länder und Menschen zu sehen ist eine starke Lockung für romantische Naturen, an denen unser Volk wahrlich nicht arm ist. Lockende Rufe und Versprechungen fremder Fürsten machen eine insgeheim vorhandene Absicht, außer Landes zu gehen, leichter. Schwungvolle Reiseberichte und Briefe von solchen, die das Wagnis schon vorher eingegangen waren und nun vielleicht die eigene Enttäuschung durch große Worte vom gefundenen Glück zu überdecken suchen, helfen noch mit. Gewinnsucht, Angst vor Strafe, allgemeines Auswanderungsfieber (Herdengeist), Ehrgeiz —, wer könnte im Einzelfalle die Gründe aufspüren, die für die Auswanderer zutrafen! —

Die Geschichte von Johann Heinrich Fuchs, der als einer der ersten Auswanderer an die Wolga bezeichnet wird und aus Wolfhagen, Landgrafschaft Hessen-Kassel stammte, ist ergötzlich zu lesen. („Hessenland", Monatsschrift für Landes- und Volkskunde, Kunst und Literatur Hessens, herausgegeben von Dr. E. Hitzeroth, Heft 7, Juli 1931, Marburg/Lahn). Sie ist.sicher nicht typisch für die Auswanderer, aber daß ein Pfarramtskandidat nach einem sehr abenteuerlichen Leben als Ziethen-Husar aus einer „Louise" einen „Louis" machte, mit der so verwandelten und in Männerkleidung gesteckten Geliebten durch Marburgs Straßen zog, mit ihr sogar die Kollegien besuchte und sie während zweier Studienjahre stets „bei sich gehabt" hat, genügte, um das vorgesetzte hohe Konsistorium von der zweiten Prüfung Abstand nehmen zu lassen und den Kandidaten samt seiner ihm von einem katholischen Geistlichen angetrauten Louise einer in Münden zusammengestellten Auswanderergruppe anzuschließen. — Niemand vermag — so sagte ich vorher — die Gründe aufzuspüren, die den Einzelnen zur Auswanderung veranlaßten. Sie kamen sicher auch nur zu der allgemeinen Auswanderungswilligkeit hinzu. Diese jedoch wurde zuerst geweckt durch die „heimatlich abstoßenden" Gründe, die sich für Hessen aus wirtschaftlicher Notlage und Glaubenszwang ergaben. Die Willigkeit wurde gefördert durch die „fremdländisch anziehenden" Ursachen, die Katharina II. in ihrem Manifest wahrhaft zugkräftig zu formulieren gewußt hatte: „Die meisten Unserer Ländereyen halten in ihrem Schöße einen unerschöpflichen Reichtum an allerley kostbaren Erzen und Metallen verborgen; und weil selbige mit Holtzungen, Flüssen, Seen und zur Handlung gelegenen Meeren genugsam versehen, so sind sie auch ungemein bequem zur Beförderung und Vermehrung vielerlei Manufakturen, Fabriken und zu verschiedenen anderen Anlagen.....

Dieses ist Unser Wille: Wir gestatten allen in Unser Reich ankommenden Ausländern unverhindert die freie Religionsausübung nach ihren Kirchensatzungen und Gebräuchen …
In der Heimat Armut, Not und Gewissenszwang — in Rußland Reichtum und Glaubensfreiheit — Gründe genug, die Wanderung anzutreten! —

W. Appel

Heimatbuch 1962 .Landsmannschaft der Deutschen aus Russland

 
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